Das Dilemma großer Einmalinvestitionen

Sandra M., 45 hat ein Problem. Sie arbeitet bei Daimler in der Personalabteilung, verdient gut, hat gespart und will nun weg vom Sparbuch. 

Sie hat sich schlau gemacht, Blogs und Bücher gelesen und Podcasts gehört. Ihren Wunsch-ETF hat sie sich auch schon ausgeguckt. Ihr Plan: 100.000 Euro Einmalanlage und dann mit einem 300 Euro-Sparplan weiter machen. 

Ihr Problem: Wie bringt sie die 100.000 Euro am besten vom Sparbuch an die Börse? 

– Jetzt und gleich und sofort und alles auf einmal? Ist das sinnvoll bei den hohen Kursen? 

– Warten auf den Crash – oder zumindest einen Kursrückgang – und dann mehr ETF fürs gleiche Geld bekommen. Was, wenn der Crash sich frei nimmt und die Kurse wie zwischen 2014 und 2018 nur nach oben gehen? – Die 100.000 in handliche Pakete zerlegen und dann Stück für Stück anlegen. Aber was ist handlich? 5.000 Euro, 10.000 Euro, 20.000 Euro? Und in welchen Intervallen anlegen? Monatlich, alle zwei Monate oder quartalsweise? 

Seit Wochen überlegt sie nun schon hin und her. Vielleicht sollte sie die ganze Aktion einfach abblasen und beim Tagesgeld bleiben. 

Wir sagen: Sofort loslegen mit dem Sparplan. Die 100.000 Euro werden wie folgt investiert 

Tranchengröße 

Sandra macht folgendes Gedankenexperiment: Sie investiert heute 10.000 Euro. Die Börse bricht massiv ein und in einer Woche ist das Depot nur noch 5.000 Euro wert. Kann Sandra trotzdem noch ruhig schlafen? Wenn ja: Wie sieht es aus, wenn sie 15.000 Euro anlegt? Wenn nein: Wären 5.000 Euro ok? 

Frequenz 

50 Prozent Verlust steckt niemand so leicht weg, auch wenn man trotzdem schlafen kann. Setzen wir unser Gedankenexperiment fort. Sandra überlegt sich: Wann bin ich bereit für den nächsten Schlag? Bin ich nach einer Woche, einem Monat, einem Quartal wieder so ausgeglichen, dass es mir egal ist, wenn auch die zweite Tranche um 50 Prozent im Wert fällt? 

Jetzt weiß Sandra wie schnell sie das Geld an die Börse bringen kann, ohne Ihre Heiterkeit zu verlieren.

Damit wäre das Thema Börsenpsychologie abgehakt und als Bonus gibt es es ja noch den Cost-Average-Effekt. Mal steigen die Kurse, dann bekommt Sandra etwas weniger ETF für ihr Geld. Wenn die Kurse wieder fallen, profitiert sie und letztlich mittelt sich das alles zu einem soliden Durchschnittskurs aus. 

Während ich diese Zeile hier schreibe, schaut Norbert, der intellektuelle Mastermind der Dr. Mittwollen Invest, vorbei und rügt mich: Der Cost-Average-Effekt ist Markt-Timing und gehört nicht in die Werkzeugkiste eines rationalen passiven Anlegers. 

Das sind Sandra und ich aber bass erstaunt. Wie das? 

Norbert erklärt: 

In der Vergangenheit stiegen die Aktienmärkte langfristig immer. Der Fachmann nennt das „positiver Erwartungswert“. 

Positiver Erwartungswert bedeutet: Es ist zu jedem beliebigen Zeitpunkt wahrscheinlicher, dass die Aktienmärkte in Zukunft weiter steigen statt zu fallen; egal wie die Märkte aktuell bewertet sind. Denn in 80 Prozent der Zeit sind sie richtig bewertet. 

Das wiederum bedeutet: Wer größere Beträge auf dem kaum verzinsten Sparbuch liegen lässt, statt sie unverzüglich in ETFs zu investieren, verzichtet auf Rendite. 

Ok, aber wieso wird dann diesem Cost-Average-Effekt permanent als Rendite-Monstranz gehuldigt? 

Mathematisch ist das Ding Murks, aber psychologisch ein Volltreffer. Und Anlegen ist zu 80 Prozent Psychologie und zu 20 Prozent Excel. 

Cost-Average beruhigt. Wie das? 

Unser Gehirn ist ausgesprochen asymmetrisch. Einen Verlust von 100 Euro lässt sich nur mit einem Gewinn von 200 Euro ausgleichen. Verluste werten wir doppelt so stark wie Gewinne. Diese Verlustaversion führt dann zu: „Besser einen Euro nicht verloren, als zwei verdient.“ 

Cost-Average zieht alles in die Länge und lässt so die möglichen Verluste erträglicher aussehen. 

Das schlimmste aller Psychoszenarien: Dicke Einmalinvestition und dann der Crash. Alles weg! 

Das Problem mit dem Crash: Er ist ein unsteter Geselle. Kommt er heute nicht, kommt er morgen. Und dann haben Sandra und ich drei Jahren lang ge-costaveraged und stellen fest:

  1. Der positive Erwartungswert hat dafür gesorgt, dass wir drei Jahre lang immer weniger ETF-Anteile für unser Geld bekommen haben. Wären wir mal gleich All-in gegangen, dann hätten wir jetzt mehr Anteile.
  2. Der Crash hat uns trotzdem ereilt.

So ist das mit der Psyche beim Investieren. Unser Reptiliengehirn entscheidet nicht immer optimal. 

Nicht „All-in und dann Crash“ ist teuer, sondern „langsam reinschleichen und wenn dann alles Geld an der Börse ist, kommt der Crash“. 

Wobei man natürlich auch argumentieren kann: Wer sich reinschleicht, hat mehr Chancen im Crash noch Cash zu haben. 

Sie sehen, es ist unübersichtlich. 

Zum Glück erholte sich ein breit diversifiziertes Weltportfolio in der Vergangenheit schnell. Wenn Sandra bereit ist, die Sache auszusitzen, sieht sie nach einigen Jahren wieder grüne Zahlen im Depot. Die Frage ist: Dürfen wir die Erfahrungen der Vergangenheit einfach in die Zukunft teleportieren? 

Bleibt das so, oder landen wir – auch Aufgrund der Notenbankpolitik – global in einem japanischen Szenario? Japan kämpft seit dreißig Jahren mit niedrigen Zinsen und anämischen Wachstumsraten. Die Nikkei-Höchststände der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts sind noch immer nicht erreicht. 

Na ja, das ist doch wohl sehr unwahrscheinlich. 

Korrekt, aber nur weil die Aktien- und Anleihenkurse in den letzten Jahrzehnten sämtliche Einbrüche schnell wieder aufgeholt haben, muss das nicht so bleiben. 

Unverhofft kommt oft. Nur weil wir das Risiko nicht sehen, bedeutet nicht, dass es nicht existent ist. Das Prinzip der vorübergehenden Unsichtbarkeit macht sich im Übrigen jeder Leopard zunutze. 

Was bedeutet das für Sandra? Ihr Befürchtungen sind real. Was kann sie tun? 

Die traditionelle Literatur sagt: Sandra braucht einen Stabilitätsanker. Das kann zum einen das Sparbuch sein, aber auch ein ETF auf deutsche Staatsanleihen oder andere Anleihen bester Bonität. Da ist das Geld relativ sicher und schwankungsarm gebunkert. Aber Zinsen gibt’s keine. 

Hm, was soll das? Die Zinsfreiheit war doch der Grund, warum Sandra weg wollte vom Sparbuch. Jetzt landet sie doch wieder da, wo sie herkam? Das kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Ist es auch nicht. Die Finanzwissenschaft ist weiter. 

– Mainstream: Verdünne die Rendite Deines Depots solange mit Tagesgeld und Anleihen, bis die Schwankungen des Aktienteils erträglich werden. – Unsere Empfehlung: Halten Sie das Renditelevel! Aber kontern Sie die Abstürze der ETFs mit aktiven Krisenalpha-Fonds. Diese Diversifikation bekämpft die Schwankungen, lässt aber die Rendite größtenteils intakt. 

Diese Fonds generieren Krisen-Alpha. Krisen-Alpha bedeutet nichts anders als: Der Kurs steigt in der Krise. Dieses Alpha verrechnen Sie dann mit den ETF-Verlusten und machen so aus dunkelrot hellrot. Ein Grün zu versprechen wäre unseriös. Die Fonds werden zwar von Profis betrieben und stützen sich auf die Forschungen der Nobelpreisträger Fama, Hansen und Shiller – aber hexen können die auch nicht. 

Was bringt Sandra das? 

Jetzt, wo die Krisenalpha-Fonds die tiefen Einbrüche wegbügeln, kann sie dem positiven Erwartungswert ihre 100.000 Euro mit leichterem Herzen übergeben (Krisenalpha-Fonds hin oder her – 100.000 Euro an die Börse zu bringen ist immer mit Herzklopfen verbunden. Das verstehen wir). 

Aber je eher der positive Erwartungswert loslegen kann, umso höher wird der Mount Altersvorsorge. Muss ja nicht gleich der Everest sein. Einmal Nanga Parbat ist ja auch ganz schön. 

Mehr denn je gilt:

„Rule No. 1: Never lose money.  Rule No. 2: Never forget rule No. 1. – Warren Buffet

Diese Kombi aus ETF und Krisenalpha-Fonds hilft Sandra, das Zitat von Warren Buffett zu leben. Und – kleiner Bonus – sie sorgt für guten Schlaf.

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